Archiv für Juni 2007

ITS

Juni 4, 2007

Ich mag keine Krankenhäuser. Ich kann auf einer rationalen Ebene anerkennen, dass ohne den massiven Einsatz von Medikamenten, Technik und Personal die Kinder nicht am Leben wären. Aber für mich waren diese mehr als 140 Tage eine Zeit vollkommener Hilflosigkeit. Immer neue Rückschläge, immer neue Diagnosen. Die Abhängigkeit von Listen: Gewicht, Medikation, Sauerstoffzufuhr. Ärzte, die medizinisch sicher sehr gut waren – und menschlich eine einzige Katastrophe.

Mir selber kann ich nur den Vorwurf machen, bei vielen Therapien, vielen Medikamenten nicht genug nachgefragt zu haben. Nicht offensiv genug gewesen zu sein, ich hätte uns viel Streß erspart wenn ich einige Dinge nicht abgenickt habe, in Hilflosigkeit erstarrt und im guten Glauben, damit das Beste zu veranlassen.

Glück, das

Juni 3, 2007

Januar 1997. Es ist bitterkalt. Samstag abend haben ein paar Idioten mein Auto aufgebrochen und es vor die örtliche Kirche gefahren. Gestern war Sonntag, heute muß ich in die Werkstatt und zur Versicherung. Telefon, T. ist ziemlich neben sich. Er muß zur Spätschicht, aber E. geht es nicht so gut, kann sein dass das Baby heute noch kommt. Ob ich vorbeifahren kann um nach ihr zu sehen?

Also alle Pläne umgeworfen, so zeitig wie möglich Schluß gemacht und auf nach H. T. ist doch da, er hatte keine Ruhe auf Arbeit und hat sich freigenommen. Sie fahren in die Klinik. Ich erledige meinen Kram und fahr dann auch hin.

Im Kreissaal ist zu viel los, ich darf erst drei Stunden nach der Entbindung zu ihnen. Sie haben ihre Tochter immer noch bei sich, weil niemand Zeit hatte, sich um das Neugeborene zu kümmern.

Ich kenne E. seit dem Kindergarten, sie ist meine beste Freundin. Sie sieht furchtbar aus, völlig verschwitzt, die Haare durcheinander, in ihrem dämlichen Krankenhauskittel… und noch nie hat sie so schön ausgesehen wie heute, sie strahlt von innen heraus, das Kind in ihrem Arm schläft.

Rostock

Juni 3, 2007

Wenn ich an Rostock denke, habe ich sofort Bilder im Kopf. Nicht die von den Urlauben, als wir in Rostock auf die Fähre gestiegen sind. Ich sehe immer Lichtenhagen. Selbst jetzt, nach 15 Jahren, haben die Bilder nichts von ihrer Wirkung verloren.

Und nun? Werden die Bilder überdeckt? Ist der mob weniger dumm, nur weil die Ziele so hoch sind? Die Ausschreitungen sind Wasser auf die Mühlen Schäubles. Wird man sich nächstes Jahr an den Gipfel erinnern, an die friedlichen Demonstrationen – oder doch nur an 400 verletzte Polizisten und Sachschäden in Millionenhöhe? Oder schlimmeres?

Andreas

Juni 3, 2007

Heut nacht mit Dir geredet. Du warst ein ganz besonderer Mensch, wohl für die meisten die Dich kannten. Es tut mir leid, ich weiß es ist nicht fair, so zu tun als wärst du tot. Aber der Andreas, den ich Freund nannte, der Dichter, Musiker, Fotograf, der verrückte liebenswerte tiefgründige Mensch – der lebt nicht mehr und ich schaffe es einfach nicht, mich dazu aufzuraffen, den neuen kennenzulernen.

Nicht alle Schmerzen sind heilbar

Nicht alle Schmerzen sind heilbar, denn manche schleichen
Sich tiefer und tiefer ins Herz hinein,
Und während Tage und Jahre verstreichen,
Werden sie Stein.

Du sprichst und lachst, wie wenn nichts wäre,
Sie scheinen zerronnen wie Schaum.
Doch du spürst ihre lastende Schwere
Bis in den Traum.

Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
Die Welt wird ein Blütenmeer.
Aber in meinem Herzen ist eine Stelle,
Da blüht nichts mehr.

Ricarda Huch

Frühgeburt, die

Juni 2, 2007

Sehr geehrte Frau Dr. xxxxx,

wir berichten über das Kind Jan xxx, geboren am 04.06.2001.

Diagnosen:

  • Frühgeborenes (28 komplette Wochen)
  • 2.Zwilling
  • Atemnotsyndrom
  • Hyperbilirubinanämie
  • Anämie
  • Persistierender Ductus arteriosus
  • Zustand nach operativer Ductusligatur
  • Retinopathia praematurorum
  • Zustand nach Laserkoagulation
  • Bronchopulmonale Dysplasie
  • Sepsis
  • Hirnblutung Grad 2
  • Periventrikuläre Leukomalazie
  • intrakranielle Hämorrhagie
  • kombinierte umschriebene Entwicklungsstörung
  • Spastische tetraplegische Zerebralparese(rechts- und beinbetont)
  • V.a. Aufmerksamkeitsdefizitstörung

Jan ist ein freundliches und zugängliches Kind. Auf an ihn gestellte Fragen antwortet er offen, er wirkt aber dabei schnell abgelenkt. Zur Leistungsdiagnostik war er leicht zu motivieren, er zeigte ein gutes Instruktionsverständnis. Von Beginn an mußte Jans Aufmerksamkeit jedoch immer wieder auf die Anforderungen fokussiert werden. Zum Ende hin nahm die Motivation deutlich ab.

Insgesamt kann eine positive Entwicklung des Kindes konstatiert werden. Das EEG ist unauffällig. Zusammenfassend läßt sich festhalten, dass die intellektuelle Gesamtentwicklung des Kindes knapp altersgerecht entwickelt ist. Das Leistungsprofil ist jedoch von deutlichen Stärken und Schwächen geprägt. Im Hinblick auf die Ergebnisse der Leistungsdiagnostik und die vorhandenen motorischen Einschränkungen ist anzunehmen, dass Jan mit den Anforderungen der Grundschule überfordert wäre. Es wird die geplante Einschulung ins LBZ für Körperbehinderte unterstützt.

aus dem Arztbrief von Jan

Seitensprung, der

Juni 2, 2007

Am Ende eines Tages sind wir immer allein… ja Du fehlst mir. Nicht der Mann, der Mensch fehlt mir, der eine Decke gegen die Kälte im Herzen hat, und einen Kuß gegen die Tränen. Aber ich weiß nicht, ob Du dieser Mensch je gewesen bist, vielleicht war auch das, wie so vieles in meinem Leben, nur eine Illusion…. und ich weiß nicht ob die Stimme, die mir das sagt meine eigene ist, oder die der Depression. Was ich allerdings weiß ist, daß Du keine Worte für mich hattest, egal ob es nun welche des Trostes oder der Liebe oder einfach ein Lachen gewesen wären. Nimm das nicht als Vorwurf, Du bist was Du bist und ich bin, was ich bin…

Und Babalon? Babalon die Hure, sie steht am Feuer und lacht. Sie weiß daß ich sie rufen werde, auch wenn ich mich noch dagegen wehre und denke ich kann das Wasser allein überwinden. Sie und ich sind alte Freunde, ich habe das Spiel schon gespielt, den Kreis betreten, weil es das Einzige ist, das die Leere füllen kann. Ich hasse sie nicht mehr wie früher, ich habe akzeptiert, daß sie ein Teil von mir ist, der in schlimmen Zeiten zum Vorschein kommt, wenn alles andere längst schon ertrunken ist. Es geht nicht um Sex. Es geht um das Lächeln, den Blick, das Gefühl am Leben zu sein. Es geht darum, daß all dies hier ein Ende haben muß, ehe ich die schwarzen Gedanken in die Tat umsetze.

W.

Juni 2, 2007

In einer wirklich schlimmen Phase meines Lebens warst Du da, standest auf einmal vor mir und hast mir vertraut. Dem hatte ich hinter all meinen Mauern nichts entgegenzusetzen, mit allem hätte ich umgehen können aber nicht mit dieser bedingungslosen Zuneigung. Du hast nichts erwartet und genau deswegen warst Du der einzig Richtige.

Ich hab viel gelernt mit Dir. Was ich an Dir mag ist Deine bisweilen schmerzhafte Ehrlichkeit. Gleichzeitig die Reflexion: ich bin in Beziehungen oft zu nett gewesen um ehrlich zu sein. Ich wollte nicht wehtun und hab mir damit selber wehgetan. Seit ich Dich kenne, ist das nicht mehr so. Du erwartest Ehrlichkeit von mir, und ich hab Dir schon wehgetan damit. Ich habe mir oft gewünscht, Du wärst nicht so weit weg.

Ich mag Dich sehr, mehr als die meisten anderen Leute auf diesem Planeten, aber Beziehung ist in erster Linie das miteinanderleben (vergiß das nie wieder!) und das tun wir nunmal nicht. Es wäre endlos mühsam, und ich weiß nicht ob wir genug Sensibilität hätten, uns zusammenzuraufen.

Depression, die

Juni 2, 2007

Ich denke an den Tod. Jeden Tag. Jeden verdammten Tag denke ich übers Sterben nach. Ich sitze an einem Sonntagnachmittag in der Sonne und denke daran wie perfekt Sonntagnachmittage zum Sterben sind, wenn die Einsamkeit besonders hart zuschlägt. Ich sehe meine Kinder lachen und überlege, ob ein erweiterter Selbstmord nicht das Klügste wäre.

Ich habe Angst. Sie sitzt wie ein schwarzes Tier auf meiner Brust und nimmt mir die Luft zum Atmen. Ich stecke unter einer Glasglocke und funktioniere noch, aber ich lebe nicht mehr. Um mich herum ist nur Stille. Ich fühle nichts mehr. Wenn ich in mich hineinschaue sehe ich nur Tränen.
Ich weiß, daß das die Depression ist, in deren tiefem Wasser ich treibe. Und ich weiß daß das nicht immer so war – aber ich kann mich nicht daran erinnern, daß es je anders war. Ich sehe kein Ufer, nirgends.

Ich habe keine Worte mehr. Ich bringe die Kinder weg und verkrieche mich, bis ich sie wieder holen muß. Ich gehe mit ihnen auf den Spielplatz, weil man das nunmal so macht und versuche, all ihre Fragen zu beantworten, trotz der Müdigkeit in mir. Für mehr habe ich keine Worte. Die Kinder sind die Leidtragenden, auch wenn ich versuche, so weit wie möglich auf sie einzugehen. Wo fängt Vernachlässigung an?

Ich kann kaum sagen wie lange sie mich schon in ihren Fängen hat. Nach der Geburt der Kinder hatte ich keine Zeit, über mein Befinden nachzudenken und als ich dann endlich Zeit hatte, da war sie schon fester Bestandteil meines Lebens.

Dann gibt es wieder Phasen, da strotze ich vor Energie und denke, ich hätte die Depression überwunden. Hab ich nicht, sie hat sich nur versteckt. Sie sitzt und wartet auf eine Gelegenheit, wieder hervorzuspringen.

D.

Juni 2, 2007

Ich lebe noch.

Der erste Kuß ist acht Jahre her, und ich wußte damals schon, ich werde sterben an Dir. Zuviel gegeben. Süchtig nach Deinem Lächeln. Was es ist, das Dich so besonders macht? Ich weiß es nicht, aber ich sterbe immer noch an Dir. Es gibt Tage da denke ich nicht einen Moment an Dich, und es gibt Tage da bist Du beinahe greifbar. Viel zu oft morgens aufgewacht und gewußt dass die Tränen auf dem Kissen Deinetwegen waren. Mittlerweile habe ich mich beinahe damit abgefunden dass es nichts mehr geben wird, das Dein Gesicht überdeckt.

Cinerex in der Endlos-Schleife.

    .:: Cinerex – life is silly ::.
    Life is silly
    I can’t take it
    Watch me wonder
    I’m not looking
    I can change it
    Run for cover
    I’m in danger
    No I won’t believe it

Der Luftballon

Juni 1, 2007

Knallrot war er, zur großen Freude meines Kindes. Eine Stunde hatte er ihn, dann ist ihm der Ballon weggeflogen…und mir blieb nur, ein tränenüberströmtes Kind zu trösten. Noch am Abend war er traurig. *Aber er war so wunderschön.* Ach, könnte ich Dich vor allem Schmerz beschützen, den Du noch erleiden wirst, mein Sohn.